Berlin, 2011-07-01

Gemainheit!?!?

Knapp eine Woche ist um, das ist die Zeit die ein GEMA-Vorstand braucht, um PR-Agenturen anzuweisen, mal so richtig aufzuräumen in der Öffentlichkeitsarbeit und gegen diesen Veranstalterhaufen vorzugehen. Da wälzt sich etwa Chefredakteur und angeblich ehemaliger Wirtschaftslobbyist Maroldt aus dem Fenster mit einem tendentiösen Text im Tagesspiegel, von dem alle relevanten Punkte inkorrekt sind. Es kann losgehen:

"Zehn Prozent vom Eintrittspreis sollen künftig an die Gema gehen - unmöglich, sagen die Clubbetreiber."

Wir sind dermaßen entsetzt über die rohen Zahlen aus dem Tarifrechner, dass wir zu solchen Prozentzahlen uns niemals tatsächlich geäussert haben, und 10% sind es ja auch gar nicht, wenn man sich die Grafik von kultur-retten ansieht:

Während das Gericht (siehe oben verlinkter Artikel) 10% als absolute obere Schmerzensgrenze festlegt, welche nur in Extremfällen, also mit allen Längen- und Laptopzuschlägen und ungeschickten Quadratmeterzahlen erreicht werden darf, so ist die Formel der GEMA eindeutig dem zuwider: Beginnt bei 10% und geht komfortabel darüber bei ungeeigneten Bedingungen wie ungerade Quadratmeterzahlen. Verschiedene Zuschläge nicht mit eingerechnet.

Nichtsdestotrotz bewirbt die GEMA die Legende von den 10% auf allen Kanälen obwohl die tatsächlichen Reformtexte und Tabellen vollkommen anders aussehen (einfach mal von der GEMA-Website herunterladen und staunen). Glauben die wirklich mit so einer schamlosen Lügenstrategie die Öffentlichkeit zu überzeugen? Und lassen die Journalisten das mit sich machen? Die GEMA hätte schon längst den Schaden in Grenzen halten können, in dem sie einfach zugibt einen unmöglichen Vorschlag ins Rennen geschickt zu haben, und dass es nicht dabei bleiben wird. Aber anscheinend geht es nicht um Vernunft oder Schaden. Es geht um die Hoffnung auf mehr Geld.

Die Süddeutsche traut sich sogar konkrete Zahlen abzudrucken, da heisst es "Angenommen, so eine Disco auf dem Land hat 300 Quadratmeter, und nimmt vier Euro Eintritt. Dann haben seine Betreiber nach dem alten Tarif 192,80 bezahlt. Und zahlen mit dem neuen Tarif 120 Euro. Also weniger. Davon stirbt man nicht."

Das ist hochkarätiger Unsinn, denn eine Dorfdisco wird die Leute wohl kaum exklusiv zu Live-Musik tanzen lassen. Nur dann erscheint tatsächlich der Nettobetrag von 120 Euro. Wenn man stattdessen Musik von Tonträgern abspielt, gibt der Tarifrechner des respektablen DEHOGA-Verbandes einen Betrag von 161,78 inkl Steuern aus. Wenn man dann realistischerweise die Nutzung des Laptops nicht verbietet, ist man bei 210,58 Euro pro Abend, das heisst also, dass auch die Dorfdisco nicht weitermachen kann wie bisher. Entweder sie zahlt mehr, oder verzichtet auf Laptops.

Es kommt aber besser: Sollte der Abend mal so richtig Spaß machen und keiner nach Hause gehen wollen, kommen ab der fünften Stunde alle drei Stunden nochmal 64,20 Euro Zuschlag drauf. Wenn der Club obendrein eine ungeeignete Quadratmeterzahl aufweist, ist man so richtig blöd dran, denn ein Club mit 203 Quadratmetern soll genausoviel zahlen müssen wie einer mit 300. Völlig egal, dass da mehr als ein Drittel weniger Leute hineinpassen (Bühne, Theke und sonstige Einbauten werden ja nicht gleichermaßen kleiner).

"Wenn die Disco größer ist, ein Club von 700 Quadratmeter zum Beispiel, und auch mehr Eintritt nimmt, sagen wir neun Euro, dann kostete das laut Tarif bisher 668,90 Euro. Und künftig 630,00 Euro. Wieder weniger."

Auch hier ist das nur der Fall, wenn der tolle Club nur Live-Bands spielen lässt, bei denen eine GEMA-Bezahlung sowieso fragwürdig ist, weil wir nicht mehr in den 50er Jahren leben, als es noch keine DJs gab und man in Tanzlokalen von Orchestern bespielt wurde, welche Standards, also Cover-Versionen, rauf und runter gespielt haben. Heutzutage spielen Bands ihre eigenen Songs und hätten es verdient das Geld direkt auf die Hand zu bekommen. Stattdessen soll in so einem Fall der Konzertveranstalter 630 plus 7% MwSt macht 674,10 Euro zahlen, und aus unserer Alltagserfahrung kommt dieses Geld nie bei der Band an. Dieses Beispiel allein zeigt, dass es sinnvoll wäre den Verein GEMA vollkommen neu aufzusetzen.

Aber zurück zum Rechenbeispiel. Sobald also ein DJ auflegt, sind wir schon bei 849,37 Euro. Wenn wir dann realistischerweise davon ausgehen, dass so ein Club acht Stunden auf hat und der ausländische Stardeejay nichtsahnend mit dem Laptop anreist um Plattengewicht zu sparen, dann zahlt der Veranstalter 1.442,57 Euro an GEMA-Gebühren. Das, meine Herren, ist nicht nur vom Gericht als sittenwidrig eingestuft worden, da es um ein mehrfaches die 10%-Hürde überschreitet - es ist erfahrungsgemäß auch noch dermaßen happig, dass sich der ganze Aufwand nicht mehr lohnt. Ganz zu schweigen von der Stillosigkeit, mit der der Veranstalter rechtzeitig vor der achten Stunde die Musik abschalten muss. Geschrei und Gepfeife ohne Ende. Potentiell Randale vor der Tür.

Wie entsetzt die Veranstalter sind, sieht man auch anhand solcher Grafiken:

Und leider leider ist an diesen Zahlen nichts aber auch gar nichts hässlich gerechnet. Es ist so, und die GEMA hat sie nicht mehr alle.

Entsprechend geht auch die Milchmädchenrechnung nicht auf, weswegen das Berghain 3 Millionen Euro verdient, wenn 10% davon die zukünftige GEMA-Gebühr wären. Es sind ja keine 10% sondern Dank Laptop- und Zeitzuschlägen ein Vielfaches dessen. Kein Zweifel, dass der Tourischuppen Berghain gewaltige Umsätze macht, aber auch der hat es nicht verdient 300.000 Euro im Jahr zahlen zu müssen, wo obendrein genau dort kaum noch GEMA-vertretene Musik gespielt wird.

Maroldt meint: "Die Gema ist kein Selbstzweck, sondern der Dienstleiter von Komponisten, zu deren Musik getanzt, gefeiert und getrunken wird."

Ach echt? Wir tanzen zur Musik von GEMA-Komponisten? Das ist mir neu! Die GEMA weckt schlafende Hunde, wenn sie die Spaßsteuer, die bisher von der Clubwelt hingenommen wird, dafür dass irgendwer um 4 Uhr morgens mal kurz acht Takte Cyndi Lauper anspielen darf, auch noch anheben will.

Selbst wenn es zu einer Einigung kommen sollte, wie die GEMA über Anwaltswege anstrebt (Angebot wohl doch nicht so fair wie behauptet?), haben die Clubs allen Grund dazu, aus dem Geschäft auszusteigen und die Komponisten der Nachtmusik an der GEMA vorbei direkt zu entlohnen. Das Berliner Nachtleben, von den Rockpop-Clubs abgesehen, spielt weitgehend keine GEMA-Musik - und die GEMA hatte bisher nur Glück, dass kaum jemand die logische Konseguenz daraus gezogen hat.

"Gewarnt wird vor einer 'Kommerzialisierung' - als würden die Clubs von selbstlosen Samaritern betrieben" belustigt sich Maroldt. Nun, das Bedarf einer Erläuterung, warum so ein Haufen Partymacher sich vergleichsweise unkommerziell wahrnimmt:

In der Tat hat es Tradition, dass man in Berlin die Party am nächsten Tag stundenlang weitergehen lässt, auch wenn sie sich schon längst nicht mehr rechnet. Die Gewinne der Nacht werden eingesetzt um das Barpersonal auch in den Morgenstunden auszuzahlen, in denen weniger eingenommen wird als ausgegeben. Die Mehrheit der Veranstalter macht Party der Party willen. Das bewegt sich, ausser vielleicht für kommerziellen Tourismushochburgen wie das Berghain, gerne am Rand des kommerziell sinnvollen. Liebhaberei? Jawoll! Will man diese typisch berlinerische Verneinung des Kapitalismus wirklich ausmerzen?

Eine Erhöhung der Bohlensteuer (wie die GEMA-Gebühr im Musikerjargon heisst) an Urheber, die gar nicht gespielt werden, reduziert die Chancen auf das typisch Berlinerische: Dass ein letztes Jahr zugereister Musiker einen Club ausborgt und seine eigene Partyreihe startet, nur um einer neuen Musikrichtung Freiraum zu geben (ichbineinberlinerfestival halte als Beispiel her: eine von französischen Electropunks initiierte Kulturinstitution).

Aus diesem Grund ist die Angst vor einer weiteren Abhängigkeit der finanziellen Rentabilität in der Clubszene real und ehrlich: Niemand hier hat Lust wie Rom, Paris oder Budapest zu enden, wo originelle neue Sachen nur noch in der Illegalität entstehen können. Wir Nachtkünstler bereisen ja diese Welt, und zwar immer erst, wenn wir uns in Berlin einen Namen gemacht haben, denn andernorts geht das nur, wenn man einen besonders heissen Draht zur Clubmafia hat. In Berlin sind Clubs tatsächlich noch von der Initiative der Künstler geprägt, und diese GEMA-Maßnahme könnte ändern, was selbst die Gentrification noch nicht geschafft hat.

"Deren öffentliche Rechnung geht so: höhere Gema-Gebühren, höherere Eintrittspreise, weniger Touristen, Berlin am Ende."

Nö, die Touristen sind die letzten, die mit einer Gebührenerhöhung ein Problem hätten - nur was bringt es den Touristen, wenn das legendäre Berliner Nachtleben, weswegen sie gekommen sind, nicht mehr so ist, sondern genauso wie an ihrem Heimatsort: Strikt am Gewinn orientiert. Keine Line-Ups mit zehn verschiedenen Künstlern pro Dancefloor pro Nacht mehr, wir nehmen nur noch den namhaften, der die Touristen anlockt, und den Rest der Zeit bespielt der billige DJ des Hauses. So sieht es in Mailand aus, und so kann es in Zukunft in Berlin aussehen: Das Ende einer Hochkultur der Tanzmusikkunst. Und tausende Künstler, die nicht mehr gebraucht werden, ausser sie treten aus der GEMA aus. Dann geht vielleicht noch was.

"Es stimmt ja: Das Prekäre, Provisorische hat viel vom Charme der Szene ausgemacht, auch das Gefährliche. Aber das nutzt sich ab. Wenn das Besondere immer dasselbe Besondere ist, dann ist es eben nicht mehr besonders und nicht mehr besonders anziehend, auch nicht für Touristen."

Unsinn. Der Berlin-Charme ist seit zwanzig Jahren fundamental derselbe und die Besucherzahlen, die genau den sehen wollen, kennen nur eine Richtung: nach oben. Leider leider wird diese Erwartung zugleich immer weniger befriedigt, denn das was man heutzutage in einem Katerholzig sehen kann, sind der dekorative Ausdruck einer Hochkultur, die ihre Höhepunkte in der Bespielung ehemaliger DDR-Gebäude und zahllose legendärer Zwischennutzungen hatte, etwa in Neuköllns Kindl-Brauerei. All diese grandiosen Momente sind Geschichte, und sie finden immer seltener statt. Immer weniger Freiräume, immer drakonischere Strafen, und jetzt auch noch der endgültige Rentabilitätskiller durch eine GEMA, die Gelder einfordert für Musik, die hier gar keine Sau spielen will.

Wenn die GEMA diese Tariferhöhung durchzieht wird sie drei Dinge erreichen:

  1. Einklappen der bisherigen Clublandschaft.
  2. Explosion des illegalen Nachtlebens.
  3. Entstehung einer Hochburg der gemafreien Tanzkultur.
Kurzum, die Chancen sehen gut, dass die GEMA in Zukunft einen Bruchteil des bisherigen Geldes aus Berlin erhält.

Sinnvoller wäre es aber, wenn die GEMA die neuen technischen Möglichkeiten der Musikerkennung ernsthaft begrüßen würde. Sollen die Veranstalter die Werke bezahlen, die der DJ tatsächlich auflegt. Dafür ist eindeutig Bereitschaft da, denn das Nachtleben liebt die Musik, die es spielt, und würde dafür sofort finanziell einstehen - aber eben genau die, und nicht Herbert Grönemeyer, der nicht einmal mehr für einen Spaß um 6 Uhr morgens tauglich ist. Wenn das tatsächlich funktionieren würde, würden junge Musiker auch wieder einen Grund haben, GEMA-Mitglied zu werden.

Die GEMA wird dies aber niemals aus eigener Initiative ernsthaft tun, zu groß sind die Vorteile der selbstbestimmten Verteilung an die innervereinlich besser vertretenen Top-Verdiener. Nur eine Abschaffung der GEMA-Vermutung, der gesetzlich unterstützen Unterstellung, man würde Musik registrierter Urheber spielen, würde die GEMA dazu motivieren, in Kooperation mit den Club-Betreibern eine korrekte Abrechnung des Nachtlebens zu erarbeiten. Und in so einem Fall kann sie mit der Bereitschaft des Nachtlebens rechnen. Somit ist die Legislative gefragt, die Reformpläne der Piraten extrem angesagt. Das steht in extremem Kontrast zum dreisten Bullshit, den Maroldt herauswürgt:

"das ist vor allem der Ausdruck piratöser Larmoyanz, die es als große Ungerechtigkeit empfindet, für die künstlerische Arbeit anderer auch noch bezahlen zu müssen"

Ohne auch nur ansatzweise piratisches Programm zu kennen, gelesen zu haben, konkret darauf einzugehen. Einfach nur populistisch inkompetentes Geseier. Und dann kommt's zu Dr. Motte:

"Heute macht er eine Latschdemo gegen die Gema, und alle latschen mit. Das war's." Und die Süddeutsche lobt die Öffentlichkeitsarbeit der "Lobbyisten der Clubs und Discos."

Haha. Wir sollten mal Lobbyisten haben. Bisher ist das ein ungeordneter, oft zerstrittener Haufen Eigenbrötler, die mit ihrem Nachtleben meinen, sie können in einer politikfernen Parallelwelt existieren. Wenn solche Leute soviel Zustimmung ernten können, dann wohl, weil was dran ist. Dass über 200.000 Personen keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Anliegens hegen, und der GEMA keine 2cm Glauben schenken, ist mehr als beeindruckend. Das hat es so noch nicht gegeben. Es wurde schon der Erfolg von Parteien begründet auf der Basis von halb so großen Petitionsteilnehmerzahlen: Zensursula-Debatte 2009, anschließendes emporkommen der Piraten. Was ist, wenn das Partyvolk eine Partei zur Abschaffung der GEMA gründet? Die nötige Schlagkraft hätte es. Der GEMA könnte es viel schlimmer ergehen als mit den Piraten, die lediglich eine vernünftige Reform fordern.

Update 1: Aus GEMA-Kreisen erreicht uns dieses Fazit zur Mitgliederversammlung 2012, welche Dank der gemeinsamgegengemainheiten-Initiative ein wenig mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten hat als sonst:

"Die GEMA Hauptversammlung ging gestern sehr erfolgreich zu Ende. Nach all den böswilligen Angriffen der Grosskonzerne und deren medial beeinflussten Mitläufern sind die Komponisten aller unterschiedlichen Gebiete wieder näher zusammengerückt und haben wichtige Änderungen erreichen können. Beeindruckend auch, wie kompetent und klar die Kollegen des Aufsichtsrates und die Herren von Vorstand und Verwaltung alle Fragen beantwortet haben."

Herrlich schulterklopfend liest sich das. Aber der Gag ist es, dass in der GEMA die Verschwörungstheorie kursiert, die Großkonzerne würden nur an die Kunst for free ranwollen und wir Nachtmenschen und Clubkünstler sind nur deren ahnungslose Lakaien. Sowas in der Art schallte mir auch von GEMA-Mitgliedern angesichts unserer Demonstration entgegen. Ein wenig Thema verfehlt, da die Tarifreform ganz alleine die vollte Weltfremdheit der GEMA nachweist. Da kommen einem schon die Zweifel, ob die GEMA überhaupt dazu fähig war, den bösen Wirtschaftskonzernen um Google ein faires angemessenes Angebot zu machen. Stattdessen hat Google nach der ersten verlorenen Klage alle Inhalte gesperrt, was sollte es auch sonst tun. Abwarten bis es für jedes Video abgemahnt wird, in dem jemand den urheberrechtlich geschützten Song "Happy Birthday" singt?

Sicherlich sollte Google einen angemessenen Preis zahlen, aber wenn das genauso abläuft wie derzeit mit den Clubbetreibern, müssen sich die Mitglieder der GEMA mal ein wenig von der gegenseitigen Lobhudelei lösen, vom hohen Ross herunterkommen und das monopolistische Gehabe ablegen - denn die Gefahr, dass die Monopolstellung bald Geschichte sein könnte, ist real.

Stattdessen hat sich so manches ordentliche Mitglied (also jene privilegierten, die vom Verein zum Abendessen geladen werden) auch unter die Menge getraut und die Position vertreten, das sei alles ein ganz großes Missverständnis, wir hätten nur die Zahlen falsch gerechnet. Irgendwann würden wir schon merken, dass diese Zahlen vereinfacht, angemessen und überhaupt ganz toll so sind. GEMA-Bezirksdirektor Lorenz Schmid vertritt vom wortlaut eine ähnliche Position, nur der Tarifplan ist plötzlich weg vom Tisch: In einem Beitrag vom NDR macht er so interessante Statements wie dass die Clubs nur 7,2% des Eintritts zahlen brauchen (also tatsächlich unter der gerichtlich festgestellten Schmerzensgrenze von 10%), und man auch die tatsächliche Auslastung des Clubs berücksichtigen möchte. Beide Aussagen stehen diametral entgegen dem Zahlenwerk, weswegen wir auf die Straße gegangen sind. Entweder er will uns öffentlich für Deppen verkaufen, oder er führt Tarifverhandlungen lieber mit Journalisten als mit Clubbetreibern. Journalisten tragen wenigstens einen Anzug.

Update 2: Bin auf einen Blogeintrag gestoßen, der uns alle aufklären will wie schlecht informiert wir doch sind. Auch hier werden hemmungslos falsche Zahlen herausgejubelt. Ich erlaube mir zur Beweissicherung die Grafik hier einzubinden:

Wieder werden dem Wirt und der Disse unterstellt, sie würden nur Live-Musik spielen, dessen Bezahlung also a priori bereits fragwürdig ist. 240 Euro ist der Nettobetrag falls der Laden nur 5 Stunden auf hat und nur live gespielt wird. Da die Gastwirte an der Türe Brutto-Einnahmen machen, ist es schonmal korrekt mit Bruttozahlen zu arbeiten. Also selbst unter diesen absurden Bedingungen ist der korrekte Betrag 256,80 Euro, nicht 240. Sobald Plattenspieler drehen, reden wir von 308,16 Euro, und bei Laptop sowie acht Stunden statt fünf Stunden Partytime sind wir bei 590,64 Euro. Und das alles auch für einen Club mit 212 statt 300 Quadratmetern. Auch diesmal wird der Leser also gewaltig hinters Licht geführt.

In der nächsten Zeile steht was von 10% - das ist aber reinster Schaumstoff, denn die 10% existieren nur als gerichtliche Obergrenze - in der Mathematik des derzeit veröffentlichten Tarifvorschlages existieren die 10% nur als idealer Sonderfall.

Dass die dritte Zeile anhand überhaupt keines Regelwerkes nachvollziehbar ist, und vollkommen aus den Sternen gegriffen scheint, wundert hiernach auch niemanden mehr.

Der Blog-Eintrag unterstellt uns eine Youtube-Taktik, oder eher den ansonsten üblichen Tarifgesprächspartnern, welche angesichts der realitätsfernen Vorschläge sich nur kopfschüttelnd abgewendet haben. Soll die GEMA doch vor die Wand fahren und sich der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben, haben die sich wohl gedacht. Man kann das Youtube-Taktik nennen, denn Google kam vermutlich auf denselben Schluss. Die GEMA fühlt sich kollektiv missverstanden und einer Verschwörung ausgeliefert, dabei schmeissen alle Gesprächspartner angesichts des Irrsinns nur hin und lassen die GEMA ins Messer laufen, welches sie selbst den Musikkonsumenten aufstellt, aus der Gier der Monopolstellung heraus.

"Auch verschweigt man gerne, dass in anderen europäischen Ländern schon lange höhere Tarife gezahlt werden (z.b. 15% in Frankreich). In diesen Ländern kam es nicht zu dem für Deutschland herbeilamentierten Club- und Diskothekensterben."

Doch. Was denken sie warum so viele französischen Künstler nach Berlin ziehen.

"Ein weiterer seltsamer Fakt in diesem Disput ist, dass die »Rechner« der Veranstalterseite oftmals wesentlich höhere Zahlen ausspucken, als der offizielle GEMA-Tarifrechner für den neuen Tarif. Ich muss gestehen, dass ich in diesem Fall dem Rechner einer Institution, die vom DPMA überwacht wird, doch eher traue als solchen, unter denen Floskeln wie »Alle Preisangaben sind ohne Gewähr!« zu lesen sind."

Floskeln? Wer wird schon gerne verklagt dafür, dass er die Regelwerke, die bisher nur in Form zweier Textdokumente existieren, nach bestem Gewissen als Web-Dienst umsetzt. Aber die eigentlich interessante Frage ist, wo zum Kuckuck gibt es einen offiziellen GEMA-Tarifrechner? Und wer garantiert uns, welche Mathematik der anwendet? Schließlich scheinen ja gestandene Bezirksdirektoren der GEMA mit den eigenen Tarifvorschlägen uneins zu sein - wie lange werden die sich noch aufrecht erhalten lassen? Da würde es doch zur GEMA passen, wenn sie klammheimlich die Zahlen verzaubert und den Originaltarifvorschlag medial leugnet - so als Maßnahme zur Ehrenrettung in der Öffentlichkeit. Wer steht schon gern zu solchen Fehlern, welche die totale Unfähigkeit dieses Vereins dokumentiert, realistische Vorschläge zu formulieren.

"Nehmen wir als Beispiel einen mäßigen Umsatz von 20.- Euro pro Kopf bei einer Veranstaltung." - Lach. Die Herrschaften gehen wohl selber nur im Münchner P1 tanzen. Bei uns muss einer schon ein ordentlicher Suffkopp sein, um 20 Euro auf den Kopf zu hauen - oder er wollte unbedingt den StarDJ aus Übersee anhören.

"Leider ist es mir in den letzten drei Wochen nicht gelungen auch nur einen Club- oder Diskothekenbesitzer zu finden, der mir - natürlich auch gerne anonym - konkrete Zahlen nennen wollte. Honi soit qui mal y pense."

Sie haben doch bestimmt Musiker und Club-Besitzer in der GEMA. Wieso sind die jetzt alle still? Wer hat hier Interessen zu verbergen? Ich mit meinen gelegentlichen Nullsummenmitmachkulturevents bin derweil hoffnungslos unrepräsentativ, und die Akteure des Nachtlebens sollten nicht die Konkurrenz dermaßen scheuen, krampfhaft ihre Zahlen zu verbergen. Meinereiner weiss, dass 300.000 Euro auch einem Berghain das Genick brechen, aber die GEMA denkt ja trotz jahrzehntelangem Besuch dieses Gewerbes, da würden ungeheure Gelder nicht abgegriffen werden. Das kann doch auch nur Strategie sein.

"Es ist verständlich, dass die GEMA nicht mit ihrer Minimalforderung, sondern eben mit der Maximalforderung in dieses Verfahren geht."

Genau, und wenn diese Maximalforderung dermaßen realitätsfern ist, dass über 200.000 Menschen der GEMA Maßlosigkeit attestieren, dann fährt sie sich halt eben selbst gegen die Wand. Da braucht es auch keines Strip-Tease der Nachtwirtschaft mehr. Einfach mal selber nen Club aufmachen und durchrechnen. Ab 2013 lohnt sich das nur, wenn man die GEMA aussen vor lässt.

Auch schön, der Kommentar von Jens Best: "Sorry, aber wenn ein Artikel schon mit der absichtlichen Unschärfe anfängt, die GEMA würde 64000 Musiker vertreten, muss ich nicht weiterlesen. 65% der Einnahmen der GEMA gingen 2011 an 2884 Urheber. Zieht man dann noch die unfassbar hohen Verwaltungskosten ab, die ebenfalls in die dreistellige Millionenzahl gehen, kann man die restlichen Musiker, deren Interessen angeblich vertreten werden, als billiges Stimmvieh betrachten (solange diese sich das halt gefallen lassen.) Fazit. Die GEMA ist ein Verein, der knapp 2900 Menschen in Deutschland reich macht, indem er mit einem merkwürdigen Monopolbegriff 80 Millionen Bürger beim Musikhören erpresst. Eine Diskussion um die GEMA muss grundsätzlicher sein, als ein paar unterschiedliche Auslegungen absurder Neu-Tarife zu besprechen."

Ich sag's ja, die gesetzliche Reform muss her: Monopol abschaffen und GEMA-Vermutung über Bord werfen. Die Urheber sollen endlich wieder erhalten, was ihnen zusteht, und nicht die Kaste der Oberen selbst darüber bestimmen lassen, was sie sich zurechtlegt und wie dreist man noch sein kann und sich dabei vollkommen schuldlos fühlt.

—lynX

carlo von lynX hat auf der Berliner Demo gegen die GEMA-Reform gemafreie Eigenkompositionen gespielt. Man hört sie beispielsweise im Beitrag von SPIEGEL ONLINE und dem von 3sat jeweils ab der 90sten Sekunde oder in der Dokumentation von DocumentARI bis zur dritten Minute. Im Beitrag von tv.berlin läuft ein clusterbasiertes E-Musik-Stück in der 90sten Sekunde beim Dr.Motte-Interview.




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CC-BY-SA, carlo von lynX

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